Loslassen
- 1. Mai
- 4 Min. Lesezeit
In dieser Folge teile ich persönliche Erfahrungen darüber, was es bedeutet, loszulassen –
nicht aus Schwäche, sondern aus innerer Reife.
Ich erzähle von Situationen, in denen ich Loslassen lernen durfte.
Nicht immer freiwillig.
Doch immer wichtig.
Und manchmal sogar lebensverändernd.

Loslasse - wenn das Leben Platz braucht
Der Moment, in dem es eng wird
Nach siebzehn Jahren Familien-Auszeit begann ich mit 45 Jahren in der Buchhaltung eines großen Unternehmens zu arbeiten. Schon nach relativ kurzer Zeit fühlte ich mich dort richtig wohl.
Ich liebte die Herausforderungen, meine Arbeit und auch das freundliche Miteinander mit den Kolleginnen und Kollegen.
In den folgenden fünf Jahren wurde ich immer sicherer, selbstbewusster –und arbeitete im Winter oft
fünfzig bis sechzig Stunden pro Woche. Neben Haushalt und Familie.
Ich merkte lange nicht, dass ich an meine Grenzen ging.
Dass in meinem Leben kaum noch Raum für m i c h war.
Ich hatte Freude, Anerkennung und ein gutes Gehalt.
Also – was wollte ich mehr?
Wahrscheinlich hätte ich noch lange so weiter gemacht. All das nicht losgelassen.
Wenn es nicht plötzlich dieses Mobbing im Büro gegeben hätte.
Aus heiterem Himmel. Unvorhersehbar.
Nicht zu verstehen.
Nicht zu ändern.
Es wurde immer enger. Und leiser. In mir – und um mich herum.
Schließlich bin ich aus dieser Situation ausgestiegen und habe gekündigt.
Dabei durfte – oder musste – ich vieles loslassen:
die Erwartung, dass diese andere Person sich vielleicht ändern würde,
dass die Situation sich wieder bereinigen würde
die Hoffnung, im Betrieb doch noch bleiben zu können
finanzielle Sorgen und Befürchtungen
die Angst, mit fünfzig keinen guten, neuen Job mehr zu finden
alte Glaubenssätze wie „Du bist zu alt.“
„Du bist vielleicht doch nicht gut genug.“
”Du bist schuld.”
auch meine liebgewonnenen ArbeitskollegInnen
Erst später wurde mir klar, worum es eigentlich ging:
Ich brauchte mehr Zeit für mich. Ich brauchte Raum.
Ich brauchte Platz in meinem eigenen Leben.
Rückblickend erkenne ich dieses Muster des Festhaltens auch in anderen Bereichen meines Lebens – leiser, aber ähnlich wirkungsvoll.
Was Loslassen bedeutet – und was nicht
Loslassen bedeutet n i c h t:
einfach vergessen
gleichgültig werden
etwas plötzlich gutheißen
sich klein machen
etwas wegdrücken
oder aufgeben
Loslassen bedeutet vielmehr:
aufzuhören, etwas festzuhalten, das mehr Energie kostet, als es gibt
die Kontrolle über Situationen oder Menschen aufzugeben
Frieden zu schließen mit dem, was war
und Raum zu schaffen für das, was kommen darf
Loslassen ist eine b e w u s s t e E n t s c h e i d u n g:
Festhalten kostet Kraft.
Loslassen schenkt Freiheit. Innere Ruhe. Und oft auch neue Lebensfreude.
Warum wir festhalten – auch wenn es uns nicht mehr gut tut
Wir halten aus vielen Gründen fest:
Angst vor der Leere - Was bleibt, wenn ich loslasse?
Hoffnung - Vielleicht wird es ja doch noch besser.
Gewohnheit - Auch wenn`s schmerzhaft ist – es ist vertraut
Loyalität - zu Menschen, Rollen oder alten Versionen von uns selbst
Eine der, für mich persönlich, schwierigsten Facetten des Loslassens ist das Loslassen innerhalb der Familie.
Als Mutter/Vater die eigenen Kinder loszulassen –
ihnen ihre Eigenverantwortung zuzugestehen,
sie ihre Entscheidungen treffen zu lassen, auch dann,
wenn man es selbst vielleicht anders machen würde.
Und ebenso als Tochter/Sohn, die eigenen Eltern loszulassen –
nicht aus Lieblosigkeit, sondern aus Achtung vor ihrem Weg.
Dieses Loslassen ist besonders herausfordernd, weil es aus Liebe geschieht.
Und zugleich ist es soso befreiend – für alle Beteiligten.
Ich habe gelernt:
Verantwortung aus Liebe festzuhalten, ist etwas anderes,
als Verantwortung in Vertrauen zurückzugeben.
Leere ist kein Mangel. Leere ist Raum.
Auch bei mir füllte sich dieser Raum bald neu:
Ich fand einen stressfreien Bürojob mit nur noch zwanzig Stunden pro Woche.
Das Gehalt passte. Und ... ich hatte Zeit.
Zeit – auch für mich.
Und auch beim Loslassen innerhalb der Familie kann sich dieser vermeintlich "leere Raum"
zB. durch ein neues Gefühl der "Verbundenheit" füllen, ein Freiheitsgefühl oder durch neu gewonnene Zeit.

Der leise Beginn des Loslassens
Loslassen beginnt oft ganz still.
Mit der ehrlichen Erkenntnis:
Das Festhalten ist zu anstrengend.
Es tut mir nicht mehr gut.
Vielleicht magst du dir selbst ein paar Fragen stellen:
Was halte ich noch aus, obwohl es mir nicht mehr entspricht?
Warum kämpfe ich noch, obwohl ich so müde bin?
Was darf leichter werden?
Wo brauche ich mehr Platz?
Wie lange möchte ich so noch leben?
Diese letzte Frage stellte ich einmal einer Freundin, die in ihrer Ehe nicht mehr glücklich war.
Sie erzählte mir, dass sie schon so lange hoffte, dass sich was ändert, dass ihr Mann sie verstehen würde.
Meine klare Frage an sie (ohne eine Antwort zu erwarten):
“Wie lange willst du noch hoffen? Wie lange möchtest du noch so leben?”
Sie sagte mir später, dass genau diese Frage sie wachgerüttelt hat. Sie fühlte in sich, hörte ihr Herz und ... Ihr wurde klar, dass ihre Erwartungen nicht erfüllt werden würden, auch nicht später/irgendwann – und dass sie aus dieser Beziehung gehen werde.
Wege, die Loslassen unterstützen
Schreiben
Schreibe dir von der Seele, was bzw. warum du loslassen möchtest:
Ich lasse ... los, weil es mich müde macht.
Ich lasse ... los, weil ich mich darin verliere.
Ich lasse ... los, weil ich Platz brauche.
Körperliches Loslassen
Loslassen passiert nicht nur im Kopf.
Hier eine Mini-Übung:
Atme ein, zieh dabei deine Schultern hoch –
halt die Spannung fünf Sekunden -
Atme aus – und lass los.
Sag innerlich: „Ich darf das jetzt ablegen/ gehen lassen.“
Sanftes Zurücktreten
Nicht alles braucht Drama.
Loslassen kann auch heißen:
weniger reagieren
weniger erklären
weniger kämpfen
Manches braucht einfach weniger Festhalten.
Fazit: Loslassen/Freiheit beginnt im Inneren
Loslassen heißt, sich vom Zwang der Kontrolle zu befreien und dem Leben zu vertrauen.
Wenn wir loslassen, entsteht keine Leere – es entsteht RAUM.
Manchmal geht etwas, nicht weil es falsch war, sondern weil etwas Neues kommen möchte.
Und ...
Vielleicht musst du heute gar nichts loslassen.
Vielleicht reicht es, das Leben etwas lockerer zu halten.
Ein wenig weicher zu werden.
Und dem Leben ein bisschen mehr Platz zu lassen.



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