Manchmal schreibt das Leben unsere Geschichte neu
Als mein Lebensplan sich auflöste – und etwas Neues begann
Manchmal machen wir Pläne für unser Leben – und sind überzeugt, genau zu wissen, wie alles einmal sein wird.
Auch ich hatte einen solchen Plan.
Doch das Leben hatte andere Ideen.
Was damals zunächst wie ein trauriger Verlust und eine große Verunsicherung wirkte, wurde im Rückblick zu einem der wichtigsten Wendepunkte meines Lebens.

Eine behütete Kindheit
Meine Kindheit war wirklich schön. Mein Bruder und ich hatten das Glück, in einer liebevollen Familie aufzuwachsen. Unsere Eltern waren immer für uns da – beschützend, aufmerksam und herzlich.
Mit uns im Haus lebte auch meine Oma, die für mich ein ganz besonderer Mensch war. Drei Generationen unter einem Dach – für Kinder ist das etwas Wunderschönes. Es wartete immer jemand auf uns. Es war immer jemand da zum Reden und Zuhören.
Mama`s ganzer Lebensinhalt war unsere Familie. Zuerst wir Kinder, später pflegte sie Oma und schließlich auch Papa. Dies prägte mich wohl sehr, denn ich wusste schon früh:
Ich wünsche mir später auch eine Familie. Ich möchte für meine Kinder, für meine Familie auch so da sein - von Herzen.
Mein Leben als Mama
Als unser zweites von drei Kindern geboren wurde, war für meinen Mann und mich klar, dass ich zu Hause bleiben würde. Ich wollte für unsere Kinder da sein, wollte Familie leben – so wie ich es selbst erlebt hatte.
Diese Zeit als Mama und Hausfrau war für mich sehr erfüllend. Ich konnte mir kein anderes Leben vorstellen. Mit meinem früheren Arbeitsleben hatte ich völlig abgeschlossen. Meine Aufgabe/ mein Wirkungsfeld war meine Familie.
Zur Familie gehörten für mich aber nicht nur mein Mann und unsere Kinder, sondern auch meine Eltern, meine Schwiegereltern und die ganze Großfamilie. Wir hatten ein herzliches Verhältnis, unterstützten uns gegenseitig und waren füreinander da.
Für mich war es deshalb auch selbstverständlich:
Wenn meine Eltern und Schwiegereltern älter werden, werde ich für sie da sein – so wie sie es für uns waren.
Doch das Leben hatte andere Pläne.
Als plötzlich alles anders wurde
Innerhalb eines Jahres verloren wir zwei meiner mir sehr wichtigen Menschen – meine Schwiegermutter und meinen Papa. Genau die beiden Menschen, von denen ich dachte, sie würden in den nächsten Jahren meine Unterstützung brauchen, gingen einen anderen, ihren eigenen Weg. Beide plötzlich und völlig unerwartet.
Neben der großen Trauer tauchte plötzlich eine Frage auf, mit der ich nie gerechnet hatte:
Was mache ich jetzt?
Die Kinder wurden immer selbstständiger. Meine vermeintliche Aufgabe, später für die Eltern und Schwiegereltern da zu sein, gab es grad nicht mehr.
Mein Lebensplan löste sich plötzlich auf.
Ich fühlte mich orientierungslos.
Fast ein bisschen überflüssig.
Sollte mein Leben nun nur noch aus Haushalt bestehen und aus dem Warten darauf, vielleicht irgendwann wieder gebraucht zu werden?
Diese Vorstellung machte mich traurig.
Nach und nach begann ich darüber nachzudenken, wie mein Leben weitergehen könnte.
Sollte ich nach siebzehn Jahren wieder ins Berufsleben zurückkehren?
Doch ich war inzwischen 45 Jahre alt und gefühlt eine Ewigkeit aus meinem früheren Beruf
im Bank- und Bürobereich heraus.
Ich glaubte kaum, dass mich noch jemand einstellen würde.
Mein erster Schritt zurück ins Arbeitsleben war deshalb eine geringfügige Stelle als Reinigungskraft. Ein Bekannter hatte mir diese Arbeit vermittelt. Er traute mir wohl nicht
mehr zu - oder ich mir selber?!
Nicht, dass ich mir für diese Tätigkeit zu schade war - aber erfüllt hat sie mich nicht.
Drei Monate später wurde mir etwas sehr klar:
Ich muss mein Leben selbst wieder in die Hand nehmen.
Ich musste mir überlegen, wer ich eigentlich bin, und was ich wirklich möchte.
Kurz darauf entdeckte ich eine Stellenausschreibung für eine Buchhalterin.
Sollte ich mich wirklich bewerben?
Würde ich überhaupt eine Chance haben?
Trotz vieler Zweifel schickte ich meine Bewerbung ab.
Und tatsächlich wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen – und bekam die Stelle.
Mein neuer Chef meinte sogar, mein Alter sei kein Nachteil, sondern ein Vorteil.
Damit begann ein völlig neuer Abschnitt meines Lebens.
Bereits eine Woche später war`s soweit. Ich saß an meinem Schreibtisch im neuen Büro –
mit klopfendem Herzen und auch Angst.
Die ersten Tage waren eine große Herausforderung. Vor allem der Computer machte mir zu schaffen. In den letzten siebzehn Jahren hatte sich in der Technik unglaublich viel verändert.
Mehr als einmal wäre ich am liebsten im Erdboden versunken, wenn ich mich wieder nicht auskannte oder Fehler machte. Doch meine Kolleginnen und Kollegen waren freundlich und hilfsbereit. Allmählich, Schritt für Schritt fand ich mich zurecht.
Nach relativ kurzer Zeit wechselte ich in die Buchhaltung zu meiner Chefin – und dort sollte ich die nächsten fünf Jahre bleiben.
Ich arbeitete Vollzeit und stellte gleichzeitig fest:
Auch meine Familie hatte weiterhin ihren Platz.
Vielleicht nicht mehr rund um die Uhr –
aber immer noch von ganzem Herzen.
Mit der Arbeit veränderte sich auch etwas in mir.
Ich wurde selbstbewusster.
Ich begann wieder mehr auf mich selbst zu achten, auf mein Auftreten, auf mein Äußeres.
Mein Selbstwert wuchs.
Und das spürte auch meine Familie. Mein Mann und meine Kinder freuten sich mit mir –
und waren auch ein bisschen stolz auf ihre „neue“ Mama und Frau.
Heute weiß ich:
Das Leben meint es gut mit uns –
auch dann, oder vielleicht sogar besonders dann, wenn es anders kommt als geplant.
Denn wenn das Leben “meinen Plänen” gefolgt wäre, wäre ich wahrscheinlich nie die Frau geworden, die ich heute bin.
Ein Zitat begleitet mich seit vielen Jahren:
„Wenn du Gott zum Lachen bringen möchtest, erzähle ihm von deinen Plänen.“
Und manchmal glaube ich wirklich, dass "er" bzw. das Leben leise lächelt, wenn wir versuchen, alles zu kontrollieren.
Denn das Leben ist ständig in Bewegung. Veränderung gehört dazu. Und manchmal führt uns gerade eine unerwartete Wendung genau dorthin, wo wir wachsen dürfen.
Vielleicht liegt genau darin ein Geheimnis des Lebens –
dass es manchmal besser weiß,
wohin unser Weg führen darf.
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